Weimar im Iran #2

Gestern Abend fand im MonAmi in Weimar eine Informationsveranstaltung zum geplanten Austausch der Stadt Weimar mit mehreren Städten im Iran statt (solidoku weimar berichtete). Der Initiator des Austausch-Projekts, Dr. Klaus Gallas, präsentierte gemeinsam mit der iranischen Musikwissenschaftlerin Sara Tavakalimeh das Programm der ersten Austauschreise, die vom 10. bis 20. Juni stattfinden soll. Er proklamierte die Wichtigkeit eines Dialogs mit dem Iran und dem „Orient“ und versicherte, „dass alle begeistert sein werden und zu Botschaftern des Kulturaustausches werden“. Laut TLZ waren ca. 80 BesucherInnen anwesend. Wir dokumentieren an dieser Stelle das Flugblatt des Arbeitskreises zur Kritik des Antisemitismus Weimar [aka weimar], das gestern Abend vor dem MonAmi und während der Veranstaltung verteilt wurde:

„Horizonterweiterung“ bei den Mullahs

Während sich das Horrorszenario der atomaren Bedrohung gegen Israel im Iran immer weiter in Richtung Realität entwickelt1, lässt man es sich in Weimar nicht nehmen, seinen kulturellen Horizont in einer Diktatur zu erweitern.

Dr. Klaus Gallas, Initiator des Festivals „West Östlicher Diwan Weimar 2009“ sprach in einem Interview davon, dass er „einen Traum, eine Vision“ habe, nämlich „gegenseitige Berührungsängste, Vorurteile und Missverständnisse, die auf beiden Seiten bestehen, aufzudecken, um damit Chancen für die Annäherung und das Verstehen der Menschen unterschiedlicher Kulturkreise und Religionen zu eröffnen“2.
Das Festival, welches im Sommer 2009 in Weimar und dem Iran stattfinden soll, wurde laut Gallas ins Leben gerufen, um einen kulturellen Austausch zwischen Weimar_innen und Iraner_innen zu ermöglichen. So soll begleitend zu einer Tour der Staatskapelle durch die Städte Persepolis, Schirâs und Teheran eine Bürger_innenreise angeboten werden, um Interessierte aus Weimar und der Bundesrepublik teilhaben zu lassen.
Mit der Namensgebung des Festivals knüpft man nicht zufällig bei Johann Wolfgang von Goethe an, der einen seiner letzten großen Gedichtbände unter eben jenem Titel veröffentlichte. Goethe bemühte sich in diesem Band ebenfalls um einen Kulturaustausch zwischen „Abend – und Morgenland“. Man sieht sich hier in einer kulturellen Tradition der „Klassikerstadt Weimar“.
Dass sich die politische Situation in den letzten 200 Jahren allerdings grundlegend geändert hat und man den Iran nicht losgelöst von der dort herrschenden Machtstruktur betrachten kann, blendet Dr. Gallas völlig aus.

Die islamische Republik Iran ist – wie der Name schon sagt – ein Gottesstaat. Dementsprechend ist das politische System im Land der islamischen Religion unterworfen, was die Religion auf eine politische Ebene hebt, weshalb man von politischen Islam sprechen kann.
Dieses klerikalpolitische System gibt den herrschenden Mullahs, den islamischen „Rechtsgelehrten“, quasi völlige Macht. Es ist grausame Tatsache, dass im Iran Frauenrechtler_innen, Gewerkschafter_innen und Oppositionelle verfolgt werden. Da die iranische Rechtssprechung die rechtliche Ausformulierung der Scharia – der islamischen Gesetzgebung – ist, werden homosexuelle Handlungen und Prostitution im Iran mit dem Tode bestraft. Doch das sind sicherlich nicht die Dinge, die die Weimarer Bürger auf ihrer Reise durch das Land zu sehen bekommen werden.
Daneben beherrscht ein radikaler Antisemitismus einhergehend mitsamt seiner geopolitischen Reproduktion – dem Antizionismus – das politische Klima im Iran. „Revolutionsführer“ Großayatollah Ruhollah Khomeini, welcher bis zu seinem Tod 1989 Staatsoberhaupt des Iran war, agitierte 1977 für die islamische Revolution mit folgenden Worten: „Die Juden haben sich mit beiden Händen auf die Welt gestürzt und sind dabei, sie mit unersättlichem Appetit zu verschlingen. Sie haben Amerika verschlungen und haben sich als nächstes dem Iran zugewandt und sind immer noch nicht zufrieden.“
Zu den glühendsten Verehrern Khomeinis gehört bis heute auch der amtierende iranische Präsident, Mahmud Ahmadinejhad. Auf der Konferenz „Eine Welt ohne Zionismus“, welche 2005 unter staatlicher Beteiligung in Teheran stattfand, sagte Ahmadinejhad: „Wie der Imam [Khomeini] sagte, muss Israel von der Landkarte getilgt werden.“

Umso abscheulicher erscheint es angesichts dieser Tatsachen, dass man sich in Weimar um einen Austausch auf politischer Ebene bemüht. So besuchte eine Weimarer Delegation, bestehend aus Oberbürgermeister Stefan Wolf, Festivalleiter Klaus Gallas, Orchesterdirektor Martin Wittkowski und Kulturmanager Martin Kranz anfang Februar 2009 den Iran und man traf sich dort mit Personen aus Kultur3 und Politik.
Man arbeitet nicht nur mit dem iranischen Ministerium für Kommunikation, Kulturerbe, Kunsthandwerk und Tourismus – also einer staatlichen Institution einer Diktatur (nicht anderes ist der Iran), sondern bemüht sich auch um eine Städtefreundschaft zwischen Weimar und Schirâs.
Ein weiterer Beweis für die politische Dimension des Projektes ist, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier persönlich die Schirmherrschaft über das Festival übernommen hat.

Man kann der konkrete Lage im Iran – den antisemitischen Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel, der Unterdrückung von Frauen, der Verfolgung Andersdenkender und den Morden an Homosexuellen nicht mit einem abstrakten Ruf nach Völkerverständigung begegnen.
Noch immer ist der Export deutscher Firmen (z.B. Siemens) in den Iran ein wichtiges Standbein für die dortige Wirtschaft und damit auch für die Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Nur ein konsequenter wirtschaftlicher Boykott und eine politische Isolation des Iran kann das Wahrmachen der Vernichtungsphantasien verhindern.

Eine Bürger_innenreise und eine Verständigung auf politischer Ebene sind nicht nur ein falsches Signal. Sie hätten auch Khomeini gefreut, der Hitler als quasi Messias verehrte und den deutschen für die Shoah dankbar war.
Daran ändert auch nicht, dass der Gegenbesuch des Bürgermeisters von Shirâs, Mehran Etemadi, dieses Jahr eine Besichtigung des KZ Buchenwald beinhalten wird4. Um eine Demütigung der Opfer des Nationalsozialismus durch mögliche Äußerungen Etemadis zu verhindern, sollte die Stadt Weimar von Etemadi vor einem Besuch eine Positionierung zu den Äußerungen von Ahmadinejad verlangen und eine Verurteilung dessen antisemitischen Vernichtungswahns zur Bedingung machen.

Kein Dialog mit Antisemiten!

Solidarität mit Israel und unterdrückten Menschen im Iran!

  1. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA stellte im Februar diesen Jahres fest, dass der Iran über genug angereichertes Uran verfüge, um Atomwaffen herzustellen. [zurück]
  2. Aus einer Pressemitteilung zum „Diwan Festival“ von Dr. Klaus Gallus. [zurück]
  3. Unter „Kultur“ versteht sich natürlich nur das, was nicht der staatlichen Zensur des Iran unterliegt. [zurück]
  4. Aus einer Mitteilung der Stadt Weimar vom 05.02.07 [zurück]