„Wichtig ist der Dialog“ [TLZ-Artikel + Kommentar]

Weimar. (tlz) „Ich garantiere, dass alle begeistert sein werden und zu Botschaftern des Kulturaustausches werden. Das ist genau das, was ich erreichen möchte.“ Kaum Vorbehalte, dafür viel Aufgeschlossenheit begegnete Dr. Klaus Gallas bei seiner ersten Informationsveranstaltung am Montagabend zur Iranreise vom 10. bis 20. Juni. An seiner Seite bei Präsentation des Reiseprogramms war die junge iranische Musikwissenschaftlerin Sara Tavakalimeh, die vor einem halben Jahr ein Studium an der Franz Liszt-Hochschule aufgenommen hat und von ihrem Heimatland erzählte. „Was in den Medien vom Iran berichtet wird, ist nicht so schön“, hofft sie, dass viele die Chance nutzen, sich persönlich einen Eindruck verschaffen. „Wichtig ist der Dialog“, setzt Gallas auf Kommunikation und Abbau von Vorurteilen durch Kennenlernen. „Nur wenn wir miteinander reden, können wir uns verständlich machen.“ Knapp 80 Interessierte waren ins Saalcafé im mon ami gekommen, um mehr über die Reise, die Formalitäten, das Land zu erfahren. Ihre Fragen betrafen Kleidung, Klima, medizinische Versorgung, die Anmeldung. „In den letzten 30 Jahren hat sich im Iran unglaublich viel verändert“, unterstrich Gallas, der das Land 1972 erstmals bereiste. Er ist beseelt von der Idee, etwas zur Annäherung von Orient und Okzident beizutragen. „Mit vielen kleinen Schritten kann man so viel erreichen“, betonte der Initiator des Festivals West Östlicher Diwan das völkerverbindende Element. Schon jetzt steht das nächste Partnerland seines Festivals fest: 2010 werde Marokko Ziel des Kulturaustausches sein, erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Sogar für 2011 gebe es bereits mehrere Kandidaten. Vor dem mon ami verteilten Vertreter des „Arbeitskreises zur Kritik des Antisemitismus Weimar“ Flugblätter, auf denen sie die „antisemitischen Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel und die Verfolgung Andersdenkender“ im Iran anprangerten und Front gegen „den Austausch mit einem Diktator unter dem Deckmantel der Kultur“ machten. Auf die Frage einer Bürgerin „Wissen Sie eigentlich, dass im Iran ganz viele Juden friedlich leben?“, blieben sie die Antwort schuldig. Wer die Menschenrechtsverletzungen in den Vordergrund stelle, wähle die falsche Perspektive, meinte Gallas. Dass der einseitige Blick geweitet wird, dafür bürgen das Festival, die 200 mitreisenden Weimarer und die Staatskapelle Weimar.

09.03.2009 Von Christiane Weber [Quelle]

Wie gewöhnlich ist sich die Weimarer Presse zu schade die ewigen Kritikaster ernst zu nehmen, die andauernd und immer wieder etwas an diesem angeblichen Antisemitismus herumzumäkeln haben. Schließlich kratzen diese Unverbesserlichen immer wieder an der Selbstgefälligkeit der Weimarer KulturbürgerInnen, die sich diesmal munter und fröhlich in den Iran aufmachen, um unglaublich aufgeschlossen ihren heimlichsten Sehnsüchten zu fröhnen. Anstatt auf den Verweis auf Vernichtungsdrohungen gegen Israel, staatlich organisierte Kongresse „für eine Welt ohne Zionismus“, Holocaustleugnung von Staatsmännern und die Verfolgung von FrauenrechtlerInnen, Homosexuellen und Oppositionellen zu reagieren, spielt man das alles noch herunter mit dem Verweis, dass Juden doch im Iran friedlich leben könnten. Ein Grund, einmal einen Blick auf die tatsächliche Situation von Jüdinnen und Juden im Iran zu werfen.

Mit der Islamischen Revolution, die 1979 die Schah-Herrschaft absetzte und den Islam in eine „Islamische Republik“ verwandelte, kam im Iran nicht nur eine antiwestliche Stimmung auf, die unter anderem zu Verboten von Tanzveranstaltungen führte, sondern auch eine anti-israelische und anti-jüdische Stimmung, die sich letztendlich auch in der Hinrichtung wichtiger jüdischer Personen äußerte.1 Viele iranische Juden verließen in Folge dessen in dieser Zeit den Iran. Demzufolge gibt es heute im Iran nur in größeren Städten funktionierende jüdische Gemeinden. Diese Jüdinnen und Juden können trotz der antizionistischen und antisemitischen Statements des islamischen Regimes zwar durchaus relativ unbehelligt leben, vor allem im Vergleich zu anderen arabischen Ländern. Ihre Situation im Iran kann dennoch nicht als normal bezeichnet werden. Zum einen sind Jüdinnen und Juden alles andere als gleichberechtigte iranische StaatsbürgerInnen – beispielsweise sind sie von bestimmten politischen Ämtern ausgenommen2. Zum anderen lastet auf ihnen ein enormer Druck: „Die Toleranz gegenüber den verbliebenen jüdischen Gemeinden gilt jedoch nur so lange, wie diese peinlich bemüht sind, sich nicht mit Israel in Verbindung zu bringen und ihre Loyalität gegenüber dem Iran zu beweisen.“3 Damit sind iranische Juden nicht nur ein Spielball der Politik, da sie vor der Weltöffentlichkeit für die angebliche Toleranz der Islamischen Republik herhalten müssen. Sondern sie sind obendrein dazu gezwungen, sich zu einem Staat zu bekennen, der nicht nur den Holocaust leugnet, sondern auch denjenigen Staat vernichten möchte, der die Konsequenz aus der Shoa ist und den einzigen garantierten Rückzugsraum für Juden in der ganzen Welt darstellt. Wer hier beim besten Willen keinen Antisemitismus erkennen will, der macht sich zum Büttel jener, die ihren Vernichtungswillen offen artikulieren. Die Toleranz gegenüber jüdischen IranerInnen ist zudem alles andere als eine sichere Sache – gerade während der Eskalationen des Nah-Ost-Konflikts sind sie immer wieder einer anti-jüdischen Stimmung ausgesetzt.

Während nun die TLZ sich wenigstens die Mühe macht eine geäußerte Kritik am staatlichen Antisemitismus des Iran zu erwähnen, fällt die Kritik an patriarchalen und anti-homosexuellen Zuständen im Iran völlig herunter. Während der Veranstaltung zum Austausch zwischen Weimar und iranischen Städten am 9. März wurde der iranischen Musikwissenschaftlerin Sara Tavakalimeh die Frage gestellt, ob sie homosexuelle Freunde habe und wie es denen im Iran ergehe. Auf diese Frage antwortete sie mit der plumpen Feststellung, dass man im Iran seine Homosexualität halt nicht öffentlich zur Schau stelle. Aus dem Publikum kam dazu eine ergänzende Bemerkung, dass dies in Deutschland doch genauso sei. Auch angesichts solcher Äußerungen lässt sich wohl beim besten Willen keine Feindschaft gegen Homosexuelle erkennen.

Auch nach der Unterdrückung von Frauen wurden die ReferentInnen gefragt, die Antwort: Im Iran könnten doch Frauen ganz normal herumlaufen, es studieren sogar ganz viele und überhaupt sei das mit den Kopftüchern doch gar nicht so schlimm. Was soll aber bitte das Ergebnis der Durchsetzung der Scharia-Gesetze anderes sein, als „eine geschlechtsspezifische Apartheid, deren Symbol die Zwangsverschleierung ist“4? Gesetzlich ist in der Scharia unter anderem festgelegt, dass Männer gleichzeitig mehrere Frauen haben dürfen und sich zu jedem Zeitpunkt von ihnen scheiden dürfen. Würden Frauen auf solche Ideen kommen, droht ihnen die Todesstrafe. „Laut Gesetz muss die Frau den Mann um Erlaubnis fragen, ob sie arbeiten oder reisen darf. Frauen dürfen auf gemischtgeschlechtlichen Veranstaltungen nicht tanzen. Mütter verfügen über das Erziehungsrecht ihrer Kinder nur, bis diese sieben Jahre alt sind. Die Vormundschaft über die Kinder haben automatisch die Väter, die Mütter dürfen sich also nicht direkt in wichtige Lebensfragen ihrer Kinder einmischen.“5 Zurecht wäre nun zu bemerken, dass das öffentliche Leben im Iran teilweise im Widerspruch zu diesen Sittengesetzen steht. Tatsächlich studieren an den Universitäten knapp mehr als die Hälfte Frauen. Zum einen ist jedoch zu ergänzen, dass dies Errungenschaften einer starken Frauenbewegungen im Iran sind, die immer noch alles andere als sicher sind. Errungenschaften einer Frauenbwegung, die mit der Feindschaft der Mullahs und Sittenwächter ständig konfrontiert ist. Diejenigen Frauen, die sich bewusst gegen die Zwangsverschleierung wehren, befinden sich klar im Widerstand zu den religiösen Machthabern – sie begehen illegale Handlungen. Zum anderen ist dieses beschriebene öffentliche Leben zwar in größeren Städten wie Teheran anzufinden – in hinterlegeneren Provinzen im Iran kann dies jedoch völlig anders aussehen (Quelle?).

Dem Kulturrelativismus, der ein Verständnis für „andere Kulturen“ fordert, damit aber bereitwillig über Unterdrückung und Verfolgung verschiedener Art hinwegsieht und der auch auf der genannten Veranstaltung geäußert wurde, ist eine Parole der iranischen Frauenbewegung entgegenzuhalten: Emanzipation ist nicht westlich, Emanzipation ist nicht östlich; Emanzipation ist universell! Die Initiatoren des Austauschprojekts zwischen Weimar und dem Iran und des Festivals „Westöstlicher Diwan Weimar 2009″ müssen sich die Frage gefallen lassen welchen Sinn dieser Austausch machen soll und welche Intentionen, außer dem Geraune vom Dialog der Kulturen, dahinterstehen. Die TLZ bleibt eine Antwort auf die Frage schuldig ob offen artikulierter Antisemitismus, Frauenunterdrückung, Verfolgung von Oppositionellen, Bestrafung homosexueller Handlungen, Sittengesetze und der Verbot von Gewerkschaften nicht genug Gründe sind um ein solches Projekt zu kritisieren.

  1. vgl.: Thomas Schmidinger: Zwangsweise loyal – Iranische Jüdinnen und Juden als Spielball der Politik, in: Informationszentrum 3. Welt Ausgabe 311, März/April 2009 [zurück]
  2. ebenda [zurück]
  3. ebenda. Diesem Zwang wird auch Nachdruck verliehen: „Geraten jüdische IranerInnen in den Verdacht des Zionismus, wird es gefährlich für sie. Dies bekamen beispielsweise 13 Angehörige der jüdischen Gemeinden in Isfahan und Shiraz zu spüren, die 1999 wegen Verdachts auf Spionage für Israel und die USA festgenommen und erst nach längeren Haftstrafen und unter massivem internationalen Druck wieder frei gelassen wurden.“ (ebenda) [zurück]
  4. Chahla Chafiq: „Die andere Hälfte – Iranische Frauen und ihre Bewegung für Freiheit und Emanzipation“ in: Informationszentrum 3. Welt, Ausgabe 311 März/April 2009 [zurück]
  5. Ebenda [zurück]