Archiv für Juni 2010

Oh, ein diplomatischer Affront

Langsam kann sich die Weimarer Öffentlichkeit nicht mehr über das hinwegtäuschen, was von Anfang an klar gewesen ist. Die TLZ berichtet über die aktuellen Zwischenfälle einer deutsch-iranischen Städtefreundschaft:

Weimarer Städtefreundschaft: Iraner bleiben Buchenwald fern

Nach der Absage eines Besuches der Gedenkstätte Buchenwald durch die iranische Delegation will der Weimarer Oberbürgermeister Stefan Wolf (SPD) weiter an der Städtefreundschaft zur iranischen Stadt Schiraz festhalten. Wolf sprach jedoch von einer „großen Belastung“ für die Beziehung der Städte.

Weimar. Eine Konfrontation soll nach Ansicht Wolfs vermieden werden, teilte die Stadtverwaltung Weimar am Donnerstag mit. Eine iranische Delegation, die auf Einladung des Oberbürgermeisters derzeit die Klassikerstadt besucht, hatte am Mittwoch kurzfristig den Besuch der Gedenkstätte Buchenwald abgesagt.

Wolf hatte die Entscheidung bereits am selben Tag bedauert und von einer „großen Belastung“ für weitergehende Beziehungen gesprochen. Als Reaktion sagte der Weimarer Stadtrat ein geplantes Treffen mit der Delegation ab.

Den Angaben zufolge setzt Wolf trotzdem darauf, dass der Kontakt zwischen den beiden Städten möglich bleibt. Bei einem gemeinsamen Abendessen am Donnerstagabend wollte Wolf den iranischen Gästen seine Position nochmals klar darlegen und die Bedeutung Buchenwalds für den kulturellen Austausch mit Schiraz deutlich machen.

Am Mittwoch hatten die Iraner den für den Nachmittag geplanten Besuch der Gedenkstätte abgesagt, nachdem sie sich zunächst Bedenkzeit ausgebeten hatten. In einer ersten Reaktion bedauerte Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf die Entscheidung. Er verstehe sehr gut, dass die Delegation hier unter enormem Druck stehe. Die Pflege kultureller Beziehungen mit der Stadt Weimar sei aber undenkbar ohne Einbeziehung Buchenwalds und ohne ein konkretes Verständnis für die Aufgabe, vor die die Stadt durch das Erinnerung an Buchenwald gestellt sei.

Die Absage ist mehr als ein diplomatischer Affront: Sie wirft die Frage auf, inwieweit moderate Kommunalpolitiker aus der Hafis-Stadt sich im Ausland frei bewegen können. Denn der Druck, von dem Weimars OB sprach, wurde nicht nur von Botschafter Alireza Sheikh Attar aufgebaut, der am Dienstag die Delegation begleitete und als Hardliner gilt. Den Druck übten nach Informationen unserer Zeitung Vertreter des Regimes in Teheran direkt auf den Bürgermeister von Schiraz, Mehran Etemadi, aus, dessen Delegation auch vom Geheimdienst überwacht wurde.

Dabei versuchte die Weimarer Seite um den Initiator des Festivals „West Östlicher Diwan“, Klaus Gallas , bis zum Schluss, eine Brücke zu bauen. So hätte man der Menschen gedenken können, deren Sterbeort Buchenwald war, deren Geburtsort allerdings im Iran liegt. In der Tat führt das Totenbuch der Gedenkstätte zwei Namen auf: Samuel Houshmand, geboren am 21. April 1892, und Arsen Nersesjan, geboren am 23. Dezember 1917. Beide stammen aus Tabriz, einer Stadt im Nordwesten des Irans.

Gallas als Initiator des Festivals hat mit seiner Annäherung an den Iran endgültig Schiffbruch erlitten. So sagten bereits die iranischen Partner eine Konzertreise der Staatskapelle im Juni 2009 ab, dennoch reisten Weimarer in den Iran, um ein abgespecktes Kulturprogramm zu erleben. Das stieß auf heftige Kritik. In einem Gespräch mit unserer Zeitung bezeichnete damals der Direktor der Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, das Ansinnen als naiv. Wie glaubwürdig bleibe Weimar, das sich zur Bewahrung der Buchenwald-Erinnerung offen bekannt habe, wenn es offen antisemitische Politik und sei es unwillentlich mitbefördert, überhaupt einem undemokratischen Regime zum schönen Schein verhelfe? „Falls je eine iranische Delegation nach Weimar kommen sollte, ist Buchenwald der Lackmustest.“ Das Ergebnis ist seit Mittwoch bekannt.

Thorsten Büker / 24.06.10 / TLZ; ddp

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